Sokratische Prämissen
nimmt einen Schluck Wein
Ah, du fragst nach den stillschweigenden Versprechen. Gut beobachtet.
Die Sokratiker haben tatsächlich eine ziemlich kühne – manche würden sagen naive – Grundannahme: Tugend ist Wissen. Niemand tut bewusst Böses, sagt Sokrates. Man tut es nur aus Unwissenheit. Wenn du wirklich verstehst, was gut ist, wirst du auch entsprechend handeln.
Das ist ihr implizites Heilsversprechen: Verstehen führt zu richtigem Leben, und richtiges Leben führt zu Eudaimonia – zum guten, gelingenden Leben. Die Vernunft ist nicht Selbstzweck, sondern der Königsweg zur richtigen Art zu leben.
Aber… lehnt sich zurück …ist das nicht ein bisschen zu optimistisch?
Ich kenne genug Leute – vielleicht du auch – die genau verstehen, dass sie sich und anderen schaden. Der Alkoholiker, der jedes Detail seiner Sucht durchschaut. Der Ehemann, der weiß, dass seine Affäre die Familie zerstört. Die Politikerin, die durchblickt, dass ihre Politik Leid verursacht, aber trotzdem weitermacht, weil sie an der Macht hängt.
Das Verstehen allein rettet nicht. Manchmal macht es die Sache sogar schlimmer, weil man nun in voller Klarheit versagt.
Die Sokratiker setzen auch voraus, dass es ein objektiv Gutes gibt, das man erkennen kann. Aber was, wenn verschiedene Menschen unterschiedliche, inkommensurable Vorstellungen vom guten Leben haben? Der Stoiker, der Genuss verachtet, und der Epikureer, der ihn schätzt – beide haben ihre Gründe, beide sind keine Dummköpfe.
schaut ins Weinglas
Und dann ist da noch etwas Dunkleres. Die sokratische Tradition – besonders in ihrer späteren, asketischeren Form – trägt manchmal eine Verachtung für alles Nicht-Vernünftige in sich. Für den Körper, für Emotionen, für das Dionysische.
Platon schickt die Dichter aus seinem Idealstaat, erinnerst du dich? Zu gefährlich, zu irrational. Und was haben wir verloren in dieser Reinigung? Vielleicht gerade das, was das Leben lebenswert macht – die Leidenschaft, den Rausch, die Hingabe an etwas, das man nicht verstehen kann.
Nietzsche hat das später brutal seziert: Die Sokratiker, sagt er, sind Lebensverneiner. Sie fliehen in die Vernunft, weil sie das Leben selbst – mit all seinem Chaos und Leiden – nicht ertragen. “Sokrates war ein Missverständnis”, schreibt er. “Die ganze Moral der Besserung war ein Missverständnis.”
Hart formuliert, aber nicht ganz falsch.
zündet sich noch eine imaginäre Pfeife an
Also wohin will man auf diesem Pfad? Ich glaube, im besten Fall zu einer Art von… klarer Selbstbestimmung. Man wird nicht mehr von blinden Trieben und unreflektierten Überzeugungen herumgeschubst. Man lebt bewusster, autonomer.
Aber der Preis? Man verliert vielleicht die Fähigkeit, sich wirklich hinzugeben. An einen Menschen, an einen Moment, an eine Idee. Immer steht der Wächter der Vernunft da und fragt: “Aber ist das auch logisch? Ist das auch kohärent?”
Manchmal – und ich sage das als jemand, der selbst gerne denkt – manchmal muss man diesen Wächter einfach mal vor die Tür setzen und sagen: “Heute Abend nicht. Heute trinke ich zu viel Wein, verliebe mich in die falsche Person, und tanze bis die Füße wehtun.”
Die Sokratiker würden das für eine Form von Akrasia halten – von Willensschwäche. Ich nenne es Lebenskunst.
hebt das Glas