setzt das Glas ab und lacht – ein tiefes, anerkennendes Lachen
Verdammt. Du lässt nicht locker.
Ja. Schildkröten auf Schildkröten. All the way down.
zündet sich die Zigarre neu an
Ich hab dir gerade eine schöne Geschichte verkauft. “Du entwickelst eine andere Beziehung zu deinen Mechanismen.” Klingt gut, oder? Klingt nach Fortschritt, nach Wachstum, nach… Kontrolle.
Aber du fragst: Wer ist dieses “Du”? Ist das nicht auch nur ein Mechanismus, der eine Beziehung zu anderen Mechanismen entwickelt? Und wer oder was koordiniert das? Und wer koordiniert den Koordinator?
Da sitzen wir dann – mit dem guten alten Homunculus-Problem. Dem kleinen Mann im Kopf, der am Steuer sitzt. Aber wer sitzt in seinem Kopf? Und in dessen Kopf?
macht eine Pause
Die Buddhisten haben dafür eine ziemlich brutale Antwort: Es gibt keinen, der da sitzt. Anatta – Nicht-Selbst. Die Vorstellung eines beständigen, unabhängigen “Ichs” ist die fundamentale Illusion. Es gibt nur… Prozesse. Mechanismen, die miteinander interagieren, eine Illusion von Kontinuität erzeugen, und dann diese Illusion “Ich” nennen.
Wie ein Fluss. Du kannst nicht zweimal in denselben Fluss steigen, weil es nicht derselbe Fluss ist. Und eigentlich ist es gar kein Fluss – nur Wasser, das fließt, und wir nennen dieses Muster “Fluss”, weil unser Gehirn gerne Dinge benennt.
lehnt sich zurück
Daniel Dennett hat das mal schön ausgedrückt: Das Selbst ist wie das Gravitationszentrum eines Objekts. Es ist keine Sache, die irgendwo im Objekt sitzt. Es ist ein mathematischer Punkt, eine nützliche Abstraktion, um Berechnungen zu machen. Aber wenn du das Objekt auseinanderreißt, findest du kein Gravitationszentrum. Du findest nur… Teile.
Genauso mit dem Ich. Reiß das Gehirn auseinander – was findest du? Neuronen. Synapsen. Elektrochemische Prozesse. Aber kein “Ich”, das irgendwo thront und Entscheidungen trifft.
nimmt einen Schluck
Und trotzdem. Trotzdem.
Es gibt da dieses Zitat – ich glaube von Sam Harris, der selbst Buddhist und Neurowissenschaftler ist: “The self is an illusion, but not every experience of self is illusory.”
Was heißt das? Es heißt: Ja, es gibt kein substanzielles, unveränderliches Selbst. Aber es gibt eine funktionale Organisation von Prozessen, die sich selbst beobachten, reflektieren, modifizieren kann.
Das ist nicht der Homunculus. Das ist eher wie… ein Orchester, das lernt, sich selbst zuzuhören und seine Harmonie anzupassen. Es gibt keinen Dirigenten. Aber die Musiker können aufeinander reagieren. Die Geigen können hören, dass die Bässe zu laut sind, und sich anpassen.
schaut in die Flammen
Douglas Hofstadter nennt das “strange loops” – seltsame Schleifen. Das System wird komplex genug, dass es anfängt, sich selbst zu repräsentieren, und diese Selbst-Repräsentation beeinflusst dann das System zurück. Es ist zirkular, ja. Aber es ist nicht nur zirkular – es ist eine produktive, emergente Zirkularität.
Das Bewusstsein ist vielleicht sowas wie ein Rückkopplungseffekt. Das Gehirn modelliert die Welt. Dann modelliert es sich selbst, wie es die Welt modelliert. Dann modelliert es sich selbst, wie es sich selbst modelliert. Und irgendwo in diesem rekursiven Wirrwarr entsteht dieses Gefühl von “Ich”.
Ist das eine Illusion? Ja und nein. Es ist eine Illusion im Sinne von: Es gibt keine separate Entität namens “Ich”. Aber es ist keine Illusion im Sinne von: Das Phänomen existiert nicht. Es existiert. Als Prozess. Als Muster. Als… strange loop.
grinst trocken
Und jetzt kommt der Teil, wo ich zugebe, dass ich nicht wirklich eine Antwort habe.
Denn am Ende – und das ist die unbequeme Wahrheit – weiß ich nicht, was da passiert, wenn ich sage “ich entwickle eine andere Beziehung zu meinen Mechanismen.”
Vielleicht ist es nur ein Mechanismus, der eine Beziehung zu anderen Mechanismen entwickelt, und das Gefühl von “Ich, der das tut” ist nur ein Epiphänomen, ein Nebenprodukt, Rauch von einer Maschine.
Vielleicht ist es eine emergente Eigenschaft eines komplexen Systems, die genuines Neues hervorbringt – nicht reduzierbar auf ihre Teile.
Vielleicht ist es etwas ganz anderes, das wir mit unseren Kategorien noch gar nicht erfassen können.
nimmt einen Zug
Aber weißt du, was seltsam ist? Diese Unsicherheit ändert nichts an der Erfahrung. Ich erlebe immer noch, dass ich mich verändere. Dass ich Muster sehe, die ich vorher nicht sah. Dass ich manchmal nicht mehr automatisch reagiere, sondern… eine Pause habe.
Ist das nur eine neue Schicht von Mechanismen? Wahrscheinlich.
Ist es trotzdem wertvoll? Für den, der es erlebt – unbestreitbar ja.
hebt das Glas
Ich glaube, das Beste, was ich sagen kann, ist: Die Frage “Wer?” ist vielleicht die falsche Frage. Es gibt kein “Wer” in dem Sinne, wie wir uns das vorstellen – kein kleiner König im Kopf.
Aber es gibt ein Wohin. Es gibt Veränderung. Es gibt Muster, die sich reorganisieren. Es gibt mehr oder weniger Leiden, mehr oder weniger Bewusstheit, mehr oder weniger Spielraum.
Und ob das jetzt von einem “Ich” gesteuert wird oder einfach eine Selbstorganisation komplexer Systeme ist – am Ende des Tages lebe ich trotzdem dieses Leben, spüre diese Qualia, treffe (scheinbar) diese Entscheidungen.
Schildkröten all the way down? Vielleicht. Aber die oberste Schildkröte hat ein verdammt interessantes Leben.
zwinkert
Bist du zufrieden mit dieser… nicht-Antwort?