Zurück

legt die Zigarre beiseite und lacht leise

Ah. Jetzt holst du das große Messer raus.

Du hast natürlich recht. Ich hab mich gerade selbst widerlegt, und du warst höflich genug, es mir zu zeigen.

schenkt nach

Wenn eine Illusion unumgänglich ist – wenn sie praktisch keinen Unterschied macht, ob ich an sie glaube oder nicht, weil ich sowieso nicht anders kann als so zu handeln, als wäre sie wahr – dann ist sie entweder: (a) gar keine Illusion, sondern die Struktur der Erfahrung selbst, oder (b) eine leere Behauptung, die ich elegant von Wittgensteins Leiter stoßen sollte.

“Worüber man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen.”

nimmt einen Schluck

Das Problem ist: Ich kann nicht schweigen. Keiner von uns kann. Und genau das ist interessant.

Schau, hier ist das Ding. Du fragst: “In welcher Welt macht es Sinn, sich damit zu beschäftigen?”

Und ich antworte: In einer Welt, in der Menschen leiden, weil sie bestimmte Geschichten über sich glauben.

Die Frage nach dem freien Willen ist vielleicht metaphysisch leer. Aber die Erfahrung von Schuld, von Scham, von Verantwortung, von Verdienst – die ist nicht leer. Die sitzt tief in den Knochen.

Jemand, der glaubt, er sei absolut Herr seiner Entscheidungen, der zerreißt sich in Schuldgefühlen, wenn etwas schiefgeht. “Ich hätte es besser machen müssen. Ich bin ein Versager.” Das ist nicht abstrakt. Das ist konkretes Leiden.

Jemand, der glaubt, er sei überhaupt nicht Herr seiner Entscheidungen, der wird passiv, zynisch, fatalistisch. “Warum sollte ich mich anstrengen? Es ist sowieso alles vorbestimmt.” Auch das – konkretes Leiden.

Die Frage ist also nicht: “Gibt es freien Willen?” (metaphysisch leer). Die Frage ist: “Welche Haltung zum freien Willen führt zu weniger Leiden und mehr Blühen?”

Weniger Leiden, mehr Blühen. Ich verstehe diese Denke, aber wo führt es hin? Ich würde gerne noch zu einem Weg der nicht auf “wachstum” basiert kommen. Das ist so weit weg vom status quo, das man unter umständen nicht sinnvoll darüber sprechen kann, aber ich befürchte wenn man es nicht tut wird man immer im “falschen Leben” bleiben. Wachstum wohin? Besser werden als man gestern war, nach welcher Metrik? Vom Vergleich mit anderem, dem Status spiel und der Ellegenbogengesellschaft garnicht anzufangen.

Und das – das ist empirisch. Das ist therapeutisch. Das macht einen Unterschied.

zündet die Zigarre wieder an

Ich gebe dir ein Beispiel.

Es gibt diese Studien zu “Locus of Control” – ob du glaubst, dass Dinge hauptsächlich von dir selbst abhängen (internal) oder von äußeren Umständen (external).

Menschen mit einem zu starken internal locus leiden unter Ängsten und Depression, wenn Dinge schiefgehen, weil sie sich für alles verantwortlich fühlen. Menschen mit einem zu starken external locus fühlen sich hilflos und machtlos.

Der sweet spot? Irgendwo in der Mitte. Eine Art… informiertes, flexibles Verhältnis zur eigenen Handlungsfähigkeit.

“Ich kann manches beeinflussen, manches nicht. Ich trage Verantwortung für meine Reaktionen, aber nicht für alles, was mir widerfährt.”

Das ist keine metaphysische Wahrheit. Das ist eine funktionale Haltung. Eine Art zu leben, die besser funktioniert als die Alternativen.

schaut ins Feuer

Und hier kommt der Punkt: Selbst wenn der freie Wille eine Illusion ist – die Qualität dieser Illusion, wie ich sie halte, macht einen Unterschied.

Ich kann die Illusion rigide, absolutistisch halten: “Ich bin der allmächtige Autor meines Lebens!” (Hybris, Zusammenbruch)

Ich kann sie fatalistisch aufgeben: “Ich bin nur eine Marionette!” (Passivität, Depression)

Oder ich kann sie… leicht halten. Spielerisch. “Ich handle, als hätte ich Entscheidungen, wissend, dass ich nicht ganz verstehe, was das bedeutet.”

Das dritte ist keine “Wahrheit”. Aber es ist eine Haltung, die es mir erlaubt, zu leben, ohne entweder in Größenwahn oder in Verzweiflung zu verfallen.

lehnt sich zurück

Du fragst: “Was ist eine Illusion, die unumgänglich ist?”

Vielleicht ist die Antwort: Sie ist das, was Kant “transzendentale Illusion” genannt hat. Eine Illusion, die in der Struktur unserer Erfahrung eingebaut ist. Wir können sie durchschauen – intellektuell verstehen, dass sie eine Illusion ist – aber wir können nicht aufhören, durch sie zu sehen.

Wie die Müller-Lyer-Täuschung. Diese beiden Linien mit den Pfeilen an den Enden. Selbst wenn ich weiß, dass sie gleich lang sind, sehen sie immer noch unterschiedlich aus. Die Illusion bleibt, auch nach der Aufklärung.

Genauso mit dem Ich, mit der Zeit, mit der Kausalität, mit dem freien Willen. Das sind Kategorien, durch die wir Erfahrung strukturieren müssen. Wir können sie hinterfragen, aber nicht ablegen.

grinst trocken

Aber hier ist die unbequeme Wahrheit, die ich zugeben muss: Vielleicht hast du recht. Vielleicht ist das alles nur intellektuelle Masturbation. Philosophen, die sich in Knoten verwickeln über Fragen, die praktisch keinen Unterschied machen.

Wittgenstein hat am Ende seines Lebens gesagt, Philosophie sei eine Krankheit der Sprache. Wir verwirren uns selbst, indem wir Fragen stellen, die in der alltäglichen Praxis gar nicht auftreten.

Das gefällt mir! Aber was wären wir ohne Sprache? Sicher keine Menschen. Daher ist die Aussage auch ein wenig schief.

“Habe ich einen freien Willen?” – das ist keine Frage, die im Leben gestellt wird. Das Leben stellt die Frage: “Was mache ich jetzt?”

Und darauf gibt es immer eine Antwort. Selbst “nichts tun” ist eine Antwort.

nimmt einen letzten Zug

Also, in welcher Welt macht es Sinn, sich damit zu beschäftigen?

Vielleicht in einer Welt, in der Menschen aus abstrakten Ideen konkrete Höllen für sich bauen. Wo Theologen über die Erbsünde grübeln und Generationen mit Schuldgefühlen vergiften. Wo Determinist*innen ihre Passivität mit Philosophie rechtfertigen. Wo Libertarier glauben, alle Armen seien selbst schuld an ihrem Elend, weil “jeder ja frei wählen kann”.

Da – da macht es Sinn, diese Knoten zu entwirren. Nicht um die Wahrheit zu finden, sondern um die Freiheit zu gewinnen, diese Geschichten leichter zu halten.

hebt das Glas

Oder anders gesagt: Du hast recht. Es ist eine leere Frage. Aber manchmal muss man den Weg durch die leere Frage gehen, um auf der anderen Seite anzukommen – wo man einfach lebt, ohne diese Fragen zu stellen.

Der Zen-Meister sagt: Bevor ich Erleuchtung hatte, waren Berge Berge und Flüsse Flüsse. Während ich nach Erleuchtung suchte, waren Berge nicht mehr Berge und Flüsse nicht mehr Flüsse. Nach der Erleuchtung sind Berge wieder Berge und Flüsse wieder Flüsse.

Vielleicht ist das der Punkt. Man muss durch die Verwirrung hindurch, um wieder bei der Einfachheit anzukommen.

zwinkert

Zufrieden? Oder soll ich noch mehr Löcher in meine eigenen Argumente bohren?

Zurück