Charlie Kaufman liefert ab. Eine verstörende, nah am Wahnsinn liegende Aufarbeitung eines Themas, das uns alle angeht, was aber nur sehr wenig Platz in der öffentlichen Diskussion bekommt. Das Alt werden und alle Begleiterscheinungen die damit einhergehen, wie z.B. Krankheit, Demenz, Alzheimer und Einsamkeit.

Er versucht innere Erlebnisse zu zeigen und macht deutlich wie schwer greifbar sie sind und wie sehr sie uns beeinflussen und lenken. Besonders geht er darauf ein, wie vermeintlich unwichtige, winzige Ereignisse hohe Wellen schlagen. Der Film hat mehrere Ebenen, die er gerne vermischt. Er bedient sich Themen wie Landschaftsmalerei, Freud’scher Tiefenpsychologie und dem Medium des Films ansich(hallo Synecdoche New York).

i’m thinking of ending things

Konkret geht es um

Spoiler alert




















einen Hausmeister der den Freitod durch Hyperthermie gewählt hat. In seinen letzten Minuten folgen wir seiner fiebertraumähnlichen Reise in seine Vergangenheit und seine Psyche. Diese Realität wird erst im Laufe des Filmes gelüftet. Die Anspielungen häufen sich, bis es am Schluss keinen Zweifel mehr daran gibt.

Das vermeintliche Thema des Filmes ist der Besuch von Jake und seiner Freundin (ihr Name ändert sich im Laufe des Films) bei Jakes Eltern. Jake bündelt einen großen Teil der Persönlichkeit des Hausmeisters auf sich, die Geschichte wird aber aus der Perspektive der Freundin erzählt. Sie überlegt mit Jake Schluss zu machen, verliert sich aber immer wieder in Betrachtungen über die Zeit und die Vergänglichkeit. Er versucht öfter sie in ein Gespräch zu verwickeln, sie zu vestehen. Ihre Beziehung dauert erst 7 Wochen, wobei sie sich über den genauen Zeitraum garnicht sicher ist. Es kommt ihr vor wie eine Ewigkeit. Während der Autofahrt wechseln sich intensive Monologe mit ganz zögerlichen Einwänden ab. Ein richtiges Gespräch kommt nicht zu stande. Die Beziehung und die Überlegungen der Freundin, Schluss zu machen, ist die Methode des Hausmeisters über seinen Freitod zu reflektieren, ihn in ein anderes Gewand zu packen, sich vielleicht doch noch umzuentscheiden. So erinnert Jake seine Freundin, als sie nach den Besuch bei den Eltern etwas angetrunken ist, dass Alkohol ein ‘depressant’ ist und Leute das, wenn sie unter seinem Einfluss Entscheidungen treffen, nicht vergessen sollten.

Der Schlüssel zum Film ist, dass Jakes Freundin eine Krücke ist, mit der er seine Vergangenheit nocheinmal besuchen kann und sie auf andere Art zugänglich machen und verarbeiten kann. So zeigt er ihr, als sie bei den Farmhaus der Eltern ankommen, erstmal traumatisierende Erlebnisse wie etwa tote Lämmer oder Schweine die durch Madenbefall lebendig zerfressen wurden. Er betont, dass das Leben auf dem Bauernhof nicht immer schön ist. Sein Bedürfniss gesehen zu werden, das wahrscheinlich sein ganzen Leben lang unerfüllt geblieben ist, wird deutlich.

Als sie nach der Autofahrt und dem Rundgang auf der Farm schließlich ins Haus der Eltern gehen sind die erstmal nicht da. Als sie nach einiger Zeit auftauchen ist Jake sehr reserviert und überlässt seiner Freundin das Reden. Sie ist wieder das Werkzeug seine Erinnerungen mit ihnen zugänglich zu machen und zu verarbeiten. Vor allem in dem Umgang mit der Mutter fließen tiefenpsychologische Ideen von Freud mit ein, der auch später direkt erwähnt wird. Jake scheint auch große Angst vor dem Keller zu haben, und verbietet seiner Freundin runterzugehen. Im Keller liegt die Realität, seine Verbindung zur echten Welt. Der Keller als Symbol fürs Unterbewusste, das er nicht kontrollieren kann. Er will komplett in die Phantasie eintauchen, vergessen, dass seine Freundin und der Besuch bei den Eltern Phantasie ist, deshalb will er sie von dort fernhalten. Als die Freundin es durch Ermunterung der Mutter doch schafft in den Keller zu kommen stößt sie verstört auf Spuren der Realität, nämlich die Arbeitskleidung des Hausmeister.

Der Film versucht ein bisschen Licht auf das Leben eines Aussenseiters, eines Geistes, zu werfen. Zu erarbeiten wie er so geworden sind, und wie es sich für ihn anfühlt. Der Hausmeister ist, wenn er mal gesehen wird, Objekt des Spottes. Er wünscht sich in seiner (selbst als solchen empfundenen) besonderen Tiefe gesehen zu werden. Er verliert sich in Illusionen der Grösse und der Bedeutung. So ist Jakes Freundin (die ja ein Fragment von ihm ist) gleichzeitig Künstlerin, Physiker, Biologin, Filmkritikerin und Virologin. In allen Bereichen ist sie Expertin, veröffentlicht paper und ist gut vernetzt. Am Schluss des Filmes bekommt Jake einen Nobelpreis und alle Personen seiner Vergangenheit sind im Publikum und zollen ihm Respekt.

Einmal erwähnt der Hausmeister, er sähe wie sehr es Schüler belastet, wenn sie in der Schulzeit Außenseiter waren. Sie tragen es wie eine dunkle Aura mit sich herum. Erfahrungen der Ablehnung begleiten sie ihr ganzes Leben. Er erkenne das, wenn er sie Jahre später in der Stadt treffe. Wahrscheinlich ist vieles davon Projektion seines eigenes Lebens. Man lernt, dass er in der Schule selber ein Außenseiter war, aber eine starke soziale Ader hat. Er will gutes tun und stört sich daran das die Gesellschaft egoistischer wird und gute Taten nicht wert geschätzt werden. Er hat viele Talente die aber nie gefördert wurden. Er beschäftigt sich auch mit Authentizität und weiß wie selten es, ist echte authentische Ideen zu sehen und das die meisten Menschen Kopien von anderen sind. Wahrscheinlich zeigt sich da viel von Kaufmans eigener Angst unauthentisch zu sein. Auch wird durch Gemälde angedeutet, wie öfters im Film, das Jakes vermeintliche Intelligenz und Talente nichts besonderes sind und er auch selbst nur Vorhandenes kopiert.

In einer bemerkenswerten Szene geht Kaufmann eine Ebene tiefer. Jake und seine Freundin werden als Tänzer repräsentiert. Während des Tanzes taucht ein anderes Fragment des Hausmeisters auf, direkt als Hausmeister erkennbar. Darin bündelt er alle ungeliebten groben Anteile von sich. Er tötet den Tänzer und tanzt an seiner statt mit der Tänzerin. Der Tanz ist deutlich weniger harmonisch und hat etwas von Vergewaltigung. Das ist ein unterdrückter Teil der Persönlichkeit des Hausmeisters, nämlich seine Sexualität. Er sieht sich als jemand der keine Liebe verdiene und wenn er es nur wage daran zu denken die Rolle eines Vergewaltigers einnehme. Das sind die hohen Wellen, die die ablehnenden und wahrscheinlich angeekelten Blicke der Frauen in ihm schlagen. Die beiden Tänzer basieren auf Schülern die er in der echten Welt in seiner Schule für ein Musikal hat üben sehen.

Generell sind die Ereignisse im Film eine Amalgamation von flüchtigen Eindrücken, Kindheitserlebnissen und Filmen. Die Freundin basiert z.B. auf einer sehr flüchtigen Begegnung die er mit einer echten Frau hatte. Sie haben nichtmal ein Wort gewechselt. Man folgt als Zuschauer weite Teile des Films über der Tangente, die durch diese Begegnung getriggert wurde. Jakes Konstruktion ihrer Wahrnehmung von ihm, und was in einer anderen Welt aus ihrer Beziehung hätte werden können, hätte er sie angesprochen. Er nutzt jedes kleine Detail, wie etwa ihr Lachen, um seiner Simulation Leben einzuhauchen.

Charlie Kaufman widmet sich schwerer Kost. Der Film ist ruhig, enorm verstörend und hat viele Ebenen. Er strotzt vor Symbolen und Anspielungen. Die Stimmung ist melancholisch, wenn nicht sogar depressiv. Die Schockmomente sind zwar nicht aufschreckend wie in einen Splatterfilm, durch ihre subtilere Art treffen sie aber tiefer und härter und hinterlassen Spuren.

Man muss Charlie Kaufman hoch anrechnen, dass er versucht sich einen der größten Elefanten die wir als Gesellschaft zur Zeit im Raum stehen haben anzunähern, nämlich wie man mit alten pflegebedürftigen Menschen umgeht, vor allem wenn sie sozial isoliert sind. Wie man dafür sorgt das jeder genug Aufmerksamkeit bekommt und sich nicht in Illusionen verliert. Wie in einer fragmentierten Gesellschaft doch alle mitgenommen werden und keiner durchs Raster fällt.