Im Zen Buddhismus geht es viel darum nur eine Sache auf einmal zu ‘tun’. Voll bei ihr zu sein und komplett achtsam die jeweilige Aktion auszuführen.
Nach Lektüre von Eckhart Tolle bekommt man den Eindruck ‘Denken’ sei der Feind und alles was einem vom Moment wegzieht ist zu vermeiden. Nichts hinterfragen, frei, authentisch und spontan handeln, im ‘Jetzt’ verankert sein, und Vergangenheit und Zukunft als Illusion zu durchschauen.

Das ist ein guter Einstieg in östliche Philosophie und zurecht ist ‘Jetzt’ (gepusht von Oprah Winfrey) ein internationaler Kassenschlager geworden.

Auf Dauer, nachdem man den Schock über die Erkenntniss und vor allem das Erleben (Satori) des ‘Jetzt’ verdaut hat, ist es aber zu eindimensional. ‘Denken’ ist ein wertvolles und nützliches Werkzeug vor dem man keine Angst haben muss. Es stimmt zwar, umso länger eine Gedankenkette wird, umso weiter kommt man vom ‘Jetzt’ weg, aber das ist nicht schlimm. Es kommt viel mehr darauf an wie man denkt, da gibt es Fallstricke.

Analog zum bewussten Ausführen einer Handlung, ohne in Gedanken wo anders zu sein, kann man bewusst über eine Sache denken, ohne in anderen Gedanken über das Denken abzudriften. Selber Mechanismus. Schade das es dafür kein anderes Wort gibt, das ist ein Mangel in der Sprache. Ab der ersten Ebene ist alles nur noch ‘Denken’.

Handeln -> Denken^(1) -> Denken^(2) -> … -> Denken^(N)

Verschiedene Ebenen in Pastellkreide

Man kann auch mit voller Konzentration über das Denken^(2) denken^(3), ohne über Denken^(3) zu denken^(4). Auch das ist Zen. Denken jenseits von Denken^(1) scheint mir in der Gesellschaft nicht sehr hoch angesehen zu sein (z.B. Bob Dylan: Don’t think twice, it’s alright).

Es gibt keine Grenze nach Oben für Denken^(N)1. Hat man aber ein paar Etagen durch wird es mühsig und man sehnt sich wieder nach Handeln oder zumindest Denken^(1). Ich habe für mich eine Grenze bei Denken^(2) gesetzt, zumindest für den Moment. Höhere Ebenen haben etwas von Eskapismus, man entfernt sich zu weit von dem ‘Jetzt’, von dem Eckhart Tolle spricht. Auch nimmt die Manifestation größerer Denken^(N) in der ‘Realität’ (Handeln) ab.

Eine Idee breitet sich aus. (Inception)

Im Zen gibt es den Begriff Shoshin, beginners mind, und dessen Wichtigkeit wird hervorgehoben. Shoshin zu kultivieren heißt, diese ursprüngliche Faszination für das ‘Jetzt’ wieder zu spüren.


Bücher dazu:

Eckhart Tolle: Jetzt
Eckhart Tolle: Eine neue Erde
Allan Watts: The way of Zen
Chögyam Trungpa: Cutting Through Spiritual Materialism


Anmerkungen

  1. Vielleicht gibt es doch eine Grenze, zumindest kann man in Christopher Nolan’s Inception aber der 4. Traumebene (Limbo) nicht tiefer hinabsteigen. Versucht man es bleibt man in der selben Ebene. Der Film hat eh ziemlich geniale Ideen, etwa dass man eine Idee auf ihre einfachste Repräsentation bringen muss, und dann in einer tiefen Ebene einpflanzen, wenn man jemanden von ihr überzeugen will. Von dort aus entwickelt die Idee ein Eigenleben und wächst durch die höheren Ebenen bis sie zu einer Handlung in der nullten Ebene wird.